W&V 09/2011 | App-Entwicklung: Seit drei Jahren tummeln sich im digitalen Agenturmarkt
Spezialisten für Anwendungen auf Smartphones und Tablets. Nun schrauben Kunden
Erwartungen stark nach oben - mit Auswirkungen auf die Branche.
Das Geschäft mit den Anwendungen für Tablets und Handys brummt.
Vor Kurzem meldete Computerbauer Apple, dass User allein im eigenen Store
über 25 Milliarden Apps heruntergeladen haben. Das wiederum beflügelt
die Umsätze der Digitalagenturen‚ die Apps entwickeln. Das Segment ist in Bewegung,
denn die Auftraggeber von umsatzstarken Projekten erwarten von den Dienstleistern
heute zunehmend mehr: Erfahrung, Größe und Kontinuität. Die Agenturen passen sich
diesen Anforderungen an: Aktuelles Beispiel ist der Zusammenschluss des Münchner
Spezialisten GoApp und des bisherigen Konkurrenten Kupferwerk aus Regensburg.
„Wir sehen uns aktuell als größte Spezialagentur für Applikationen in Deutschland“,
sagt Rainer Hüther, zuvor Geschäftsführer von GoApp. Der ehemalige Vorstand von
Constantin Medien übernimmt die Position des CEO, vonseiten Kupferwerks
verantwortet Matthew Ulbrich als Chief Product Officer die Produktentwicklung. Zusammen verdienen über 50 Mitarbeiter
ihr Geld mit der Entwicklung von Apps - etwa für Audi, Red Bull, Allianz, Otto
oder Ringier.
Die meiste Konkurrenz machen sich die App-Spezialisten noch untereinander.
„Großen Digitalagenturen fehlt häufig die spezifische Expertise und Erfahrung,
um komplexe Anwendungen für Smartphones und Tablets zu entwickeln“, sagt Hüther.
Nicht zuletzt deshalb kaufen große Häuser App-Kompetenz hinzu: Die Hamburger Agentur
Sinner-Schrader erwarb im Mai vergangenen Jahres den Spezialisten Tic-mobile
(mittlerweile SinnerSchrader Mobile), SapientNitro schluckte die Kölner Mobile-Experten
von Clanmo. Zu den etablierten unabhängigen Mobile-Spezialisten zählen noch die
börsengelistete Yoc aus Berlin und 12snap aus München. Die großen Digitalagenturen
rüsten zudem auch intern auf: „Als Multikanal-Agentur haben wir uns so aufgestellt,
dass wir den größten Teil der Apps selbst produzieren können“, bestätigt Franziska von
Lewinski, Geschäftsführerin bei Interone. Die Hamburger haben etwa für BMW und Burger
King Apps umgesetzt. Nur in Spezialfällen arbeitet die Agentur laut Lewinski auch mit
Partnern zusammen.
Der Markt bleibt für Neueinsteiger trotzdem attraktiv. Etwa für die Bremer Digitalagentur
Construktiv, die im September 2011 mit Unit 51 einen App-Ableger gründete. Kai Tietjen,
Chef von Construkiv‚ sieht genug Platz im Markt: „Es gibt unheimlich viele Ein-Mann-Buden,
aber die können ja nicht gut den Brand-Markt bedienen“, betont Tietjen. Dazu benötige eine
Agentur ein ausgereiftes Spektrum an Qualifikationen und Ressourcen. Construktiv hatte mit
Apps im vergangenen Jahr über die verschiedenen Gesellschaften rund 250 000 Euro Umsatz
erzielt. Nicht schlecht bei einem Gesamthonorar von fünf Million Euro.
Kunden sind mittlerweile bereit, bis zu sechsstellige Budgets in aufwendige Apps zu investieren.
„Dabei können die Margen bei bis zu 50 Prozent liegen“, sagt Georg von Waldenfels‚ Gründer
des App-Spezialisten lb-lab. Je nachdem, welche Funktionen und Module für App und
Betriebssystem bereits vorliegen. „Wer einen Location-Finder schon entwickelt hat, braucht
das, je nach Konzeption, natürlich nicht unbedingt nochmals zu tun“, so Waldenfels.
Ein Vorteil für etablierte Player mit vielen realisierten Projekten.
Waren es vor allem Verlage, die das meiste Geld in Tablet- und Smartphone-Anwendungen
investierten, kommen die Big Spender heute aus der Industrie. „Mit den Intercompany-Apps
erschließt sich ein neues, rasant wachsendes Geschäftsfeld. Im Zuge dieser Entwicklung
steigt die Komplexität der Applikationen, sind zunehmend Anbindungen an sensible Schnittstellen
notwendig“, erklärt Hüther. Diese Apps enthalten sensible Daten. Deshalb benötigen Unternehmen
kompetente und zuverlässige Partner. „Mobile hat sich längst über das Level Innovationsmar-
keting hinausentwickelt und gehört bei vielen unserer Kunden bereits zum Kern ihres
Kommunikationsmix“, sagt Joachim Bader‚ Director bei SapientNitro. Zudem funktionieren
Apps langfristig und erfordern regelmäßige Updates. Die Fusion mit SapientNitro brachte den
Anschluss an ein weltweites Agenturnetzwerk. Davon profitiert auch der Ausbau des
Mobile-Serviceportfolios in Richtung Multi-Channel. Reine Kampagnen-Apps verlieren laut Bader
zunehmend an Bedeutung.
Noch können sich unabhängige und kleinere Dienstleister über Wasser halten, da alle im Prinzip
das Gleiche anbieten. „Die Entwickler tauschen sich über spezielle Foren aus und helfen
einander bei komplexen Themen“, sagt von Waldenfels.
Doch kleine Player haben es immer schwerer - selbst mit Niedrigpreisstrategien. Allenfalls bei mittle-
ren und kleineren Unternehmen können Neulinge punkten, weil denen noch die Erfahrung mit
den Dienstleistern fehlt. Das führte allerdings auch zu einem „Wildwuchs“ an Apps, erklärt
Marco Zingler, Vorsitzender der Fachgruppe Agenturen im Bundesverband Digitale Wirtschaft.
Laut Kira Song, Geschäftsführerin des Beraters AppAdvisors, steckt die App-Branche auch
deshalb mitten in einer Konsolidierungsphase. Die Münchner haben eine Partnerschaft mit der
Digitalagentur Webguerillas geschlossen, um Ressourcen zu teilen. Weiterer Druck kommt aus
dem Ausland. „In Pitches tauchen mittlerweile auch Anbieter aus den USA, Indien und China
auf weiß," Waldenfels. Allerdings habe sich noch keine große Firma getraut, einen Auftrag ins
weit entfernte Ausland zu vergeben. „Dort haben die Auftraggeber keine so gute Kontrolle
über Qualität und den Code, was essenziell wichtig ist für den Erfolg und mögliche
Folgeversionen“, sagt Waldenfels. Ausländische App-Macher haben es derzeit noch
schwer. Aber das könnte sich auch irgendwann ändern.
Kay Städele, lip